Eine private Bemerkung vorab: In meinem Büro hängt ein Bild, vor dem ich mich jedes Mal verbeuge, bevor es ans Tagwerk geht. Weniger aus Ehrerbietung, sondern um Selbstlosigkeit zu üben. Kunst macht so etwas mit mir.

Was Kunst mit einem macht, ist selbstverständlich individuell. Nehmen wir an, über Ihrem Sofa hängt das Bild eines Kreises, mit breitem Pinsel gemalt. Vielleicht produzieren Sie Autoreifen und gehen ganz in ihrem Beruf auf. Stellen Donuts her. Sind Designer mit einer Vorliebe für organische Formen. Oder Geografielehrer. Vielleicht feiern Sie aber auch die Vollkommenheit an sich oder den Zyklus der Jahreszeiten, wünschen sich eine Umarmung oder Schutz vor dem Chaos. Möglicherweise, sollten Sie sich dem Zen-Buddhismus verbunden fühlen, zelebrieren Sie auch einfach die Leere.

Das Bild jedenfalls hat etwas in Ihnen ausgelöst und wird zugleich etwas über Sie aussagen. Mehr vermutlich als Ihr Fußboden oder Ihr Badezimmerschrank. Kunst ist stets Statement. Wer Sie sind. Wer Sie sein wollen.

Aber Kunst ist wesentlich mehr als Psycho-Test oder geachtete Kulisse – und mehr als bloß Farbe auf Leinwand sowieso. Kleiner Hinweis am Rande: Dieser Text erscheint auf der Website einer Galerie. Kunstformen wie Film, Literatur, Musik oder Theater unterschlagen wir daher, auch wenn wir diese durchaus schätzen.

In welcher Form auch immer: Kunst ist ein Gesprächspartner. Und Sie entscheiden, ob Sie eine bedeutsame Zeit Ihres Alltags im Austausch verbringen wollen. Ob er heilsam und beruhigend wirkt. Von inneren Wünschen und Sehnsüchten erzählt. Oder beharrlich nachhakend ausfällt. In jedem Fall erhält Ihr Leben eine weitere, eine erweiternde Ebene.

Denn Kunst weist ja über das rein Funktionale hinaus. Sie kann daran erinnern, was wichtig ist. Nehmen wir Gustave Courbets „Der Ursprung der Welt“ aus dem Jahre 1866, ein Gemälde, das jeder kennt, der sich ansatzweise für Kunst interessiert. Markiert es doch – auch durch den Widerspruch von Motiv, fotografischer Exaktheit, Bildausschnitt und Titel – einen Schlusspunkt des Realismus. Das Werk war damals ein Skandal, wurde verborgen, damit zum Mythos und ist bis heute umstritten, weil es so viele Interpretationen ermöglicht. Darstellung des paradiesischen Urzustands? Kalkulierter Tabubruch? Ziel zahlreichen Begehrens? Feier der Mutterschaft? Prototyp des männlichen Blicks? Ja, wohl alles. Fest steht: Ohne das, was auf dem Bild zu sehen ist, gäbe es uns alle nicht.

Kunst ist aber nicht nur vielschichtig, sondern wirkt auch therapeutisch. Sie gibt der Seele Hoffnung, wenn sie etwas Angenehmes zeigt, einen schlichten Strand im skandinavischen Abendlicht etwa. Sie ist Wegweiser zur Selbsterkenntnis, gerade, wenn Bilder – wie die von Elke Hergert – abstrakt sind, im selben Moment gleichwohl vertraut erscheinen. Studien haben zudem ergeben, so das Magazin „Psychologie Heute“ schon 2020, dass die Auseinandersetzung mit Kunst die persönliche Belastbarkeit wie das Gedächtnis stärkt.

In sieben Punkten und etwas pathetisch formuliert:

  • Kunst schaltet das Licht an – damit man schärfer sehen kann.
  • Kunst kommt ohne Worte aus – und übertrifft viele Erklärungen.
  • Kunst präsentiert Erfahrungen, die man nie gemacht hat – und vergrößert damit das eigene Innere.
  • Kunst schafft Identität – indem man sich mit ihr auseinandersetzt, nimmt man sich selbst ernst.
  • Kunst ist ein Gegengift – macht eine hektische, auf Effizienz und Konkurrenz getrimmte Welt vergessen.
  • Kunst schockiert manchmal – hilft also dem Kreislauf auf die Sprünge.
  • Und schließlich: Kunst kann sehr, sehr komisch sein – sie weiß ja, dass niemand gern Pessimisten zuhört.

John Armstrong, schottischer Kunsthistoriker, und Alain de Botton, in Zürich geborener Gründer der „School of Life“, haben gemeinsam das Buch „Wie Kunst Ihr Leben verändern kann“ (Suhrkamp Verlag) verfasst. Sie sehen in der Kunst ein Werkzeug. Ein Messer oder eine Wasserflasche sind für die Autoren eine Erweiterung des Körpers, um dessen Unzulänglichkeiten beim Teilen und Transportieren zu beheben. Kunst, meinen sie, leistet exakt dasselbe – nur eben auf geistiger und emotionaler Ebene. Wer mit Kunst lebt, redet sich also nicht die Wirklichkeit schön, sondern lässt sich die Augen für ihre Schönheit öffnen.

Oder, wie ich es lapidarer definieren würde: Kunst stellt Fragen. Oft genug diese: „Was soll das denn?“

Für mich ist das eine sehr gute Frage. Sie verunsichert, zwingt zum Aushalten des Störenden, führt weiter. Antworten können da ziemlich interessant werden.

Eine private Bemerkung zum Schluss: Das eingangs erwähnte Bild stammt von Nils Koppbruch aus einer Art-brut-Serie aus dem Jahr 1999. Es zeigt – eines seiner wiederkehrenden Motive – das zufriedene Paar Bo und Hernanda und wird von sonnigem Orange und Moosgrün beherrscht. In der nächsten Folge geht es, Sie ahnen es eventuell, um Farben und deren Wirkung.

Kunstvolle Gedanken von Helmut Ziegler
Geboren 1958 in Hamburg, unterwegs als Autor, Journalist und Rentner (nebenberuflich). Für das Zeit-Magazin besuchte er Künstler von Martin Eder bis Jonathan Meese in ihren Ateliers. Zuletzt erschien sein Roman „Das letzte Buch“. Mehr zu ihm: www.ha-zett.de

Galerie RIECK_Helmut_Ziegler_Foto_(c)Annett_Schuft