Eine private Bemerkung vorab: Nach der Lieblingsfarbe befragt, sage ich oft: »bunt«. Klingt lahm, ich weiß. Ist auch geklaut, von Walter Gropius, dem Architekten und Bauhaus-Gründer. Obendrein noch gelogen. Aber Farbe ist mehr als Dekoration – und die Replik hält mir all jene vom Hals, die Rückschlüsse auf meinen Charakter ziehen.
Es ist nämlich so: Sie lieben Rot? Dann steht Impulskontrolle bei ihnen nicht im Vordergrund. Vielmehr sind Sie extrovertiert, laut, feurig und neigen gern dazu, Risiken einzugehen. Weiß? Sie schätzen Struktur und Klarheit und fühlen sich in Begriffen wie Ordnung, Sachlichkeit, Kontrolle, Disziplin zu Hause. Gegen den Wert Unauffälligkeit haben Sie auch nichts. Oder vielleicht Blau? Klingt nach innerer Ruhe und Seriosität, guter Konzentrationsfähigkeit bei hoher Frustrationstoleranz – jene Mischung, die mit hoher Intelligenz verbunden ist.
Es ist nämlich so: eher Mumpitz. Genauer: Das Ergebnis einer Befragung1 von 80 Studierenden der Fachbereiche Grafikdesign und Informatik. Eine kleine Datenbasis also, eine spitze Gruppe Interviewter sowie waghalsige psychologische Schlussfolgerungen. Heißt das im Umkehrschluss, wer sich mit Kunst umgeben will, kann auf die Wirkung von Farben pfeifen? Im Gegenteil, es ist bloß kompliziert. Die Farben, die wir mit den etwa sechs Millionen Zapfen pro Netzhaut wahrnehmen, die ins Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet werden, sind reflektierte Lichtwellen. Funktionieren die Zapfen nicht perfekt, kommt es bei einem von zwölf Männern und einer von 200 Frauen zu Farbenblindheit. Als Interpretation des Gehirns variieren Farbnuancen auch individuell – bei den sieben Millionen Farben, die Menschen erkennen, kein Wunder. Und ganz grundsätzlich, das behauptet die britische Kulturhistorikerin Kassia St. Clair in ihrem Buch The secret Lives of Colours, »ist die Farbe, die wir an einem Objekt wahrnehmen, genau die Farbe, die es nicht hat, nämlich der Teil des Spektrums, der wegreflektiert wird.«
Unstrittig aber: Farben besitzen Macht. Aus der Placebo-Forschung weiß man, dass Scheinmedikamente Reaktionen auslösen, obwohl die Patienten wissen, dass ihnen null Wirkstoff verabreicht wird. Das Verrückte: In roten Kapseln wirkt der besser als in weißen. Mehr noch: Farben sind laut des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung die »Muttersprache des Unbewussten«. 99 Prozent aller Farbinformationen verarbeitet unser Gehirn automatisch, ohne klares Denken. Farben wirken sich zudem direkt auf zahlreiche Körperfunktionen aus –auf Stoffwechsel, Atmung, Blutdruck und Muskeltonus. Instinktiv erscheint uns etwa ein Raum höher, wenn die Decke heller ist als der Fußboden und die Wände. Wie genau welche Farbe als Regieanweisung für die innere Balance genutzt werden kann, dafür sollten sich allerdings im Vorfeld einige Fragen beantwortet werden. Die nach der Lieblingsfarbe beispielsweise. Die drei liebsten der Deutschen sind Blau, Grün und Rot2. Bei Wohnungseinrichtungen sieht es anders aus: Spitzenreiter sind hier gedeckte Töne wie Vanille, Beige und Lichtgrau3. Nahezu 80 Prozent wiederum machen die drei beliebtesten Farben neu zugelassener Fahrzeuge aus, Grau/Silber, Schwarz, Weiß4. Und die Lieblingsfarben der Damen für Kleidung? Schwarz, Blau, Grau und Weiß5. Ach ja: Trendfarbe 2026 laut Pantone: Cloud Dancer, »ein edles Weiß, das als Symbol für beruhigende Einflüsse in einer Gesellschaft dient, die den Wert der stillen Reflexion wiederentdeckt.«6 Oder, wie ich es formulieren würde, die Farbe einer blanken Leinwand.
Auch wenn die Blässe vieler beliebter Farben den Nationalheiligen Goethe zu bestätigen scheint, der schon 1810 meinte, »daß wilde Nationen, ungebildete Menschen und Kinder eine große Vorliebe für lebhafte Farben empfinden« – selbst das Schielen auf Andere löst das Problem nicht. Selbst eine unbunte Farbe wie Weiß ist symbolisch vielschichtig codiert. Sie steht für Neuanfang (weißes Blatt Papier) und Alter (weißes Haar), für Hygiene (Arztkittel) und Tod (im asiatischen Raum), für Kälte (Schnee, Eis) und Erleuchtung (die den meditierenden Körper umgibt), für Kapitulation (weiße Flagge) und Unberührtheit (weißes Hochzeitskleid). In China, dies am Rande, sind Hochzeitskleider meist knallrot, die Farbe des Glücks.
Ich sagte ja, es ist kompliziert. Wortwörtlich färben Farben unsere Wahrnehmung und entscheiden, wie wir die Welt interpretieren. Sie kann gar ein Hinweis auf Giftigkeit oder Gefahr sein. Bis vor hundert Jahren war Rosa eine extrem maskuline Farbe, Apotheken in südeuropäischen Ländern sind am grünen Kreuz erkennbar, Filme aus dem Rotlicht-Milieu nennt man in England und Amerika Blue Movies. In Bezug auf die Farbenpsychologie gibt es, so leid es mir tut, kaum Verbindlichkeiten. Klar, Rot fällt auf, sonst wären Ampeln anders konzipiert. Aber ist Orange kontaktfreudig? Grün bodenständig und naturverbunden? Gelb ideenreich?
Die zentrale Frage ist daher persönlich: Was macht diese Farbe mit Ihnen? Was mit dem Raum? Was in der Galerie fasziniert, erzielt im Wohnzimmer eine andere Wirkung. Wandfarben, Möbel, selbst die Tageszeit verändern die Wahrnehmung: Warmes Abendlicht lässt Ocker leuchten, morgens werden eher Blaunuancen betont. Insofern: Schauen Sie mal in Ihren Kleidungsschrank. Ihr Bücherregal. Welche Farbe dominiert? Schauen Sie auf einige alltägliche Gegenstände. Gibt es eine Farbe, die Ihrer Kaffeetasse oder Ihres Mobiltelefons, die deutlich zu Ihnen spricht, nicht nur flüstert? Das war der erste Schritt.
Falls Sie zu denen gehören, die es ästhetisch nach Farben ordnen, gefallen Ihnen vielleicht die Arbeit der Künstlerin Lea Kubeneck. Sie listet chronologisch alle in einem Roman genannten Farben grafisch als Streifen auf. Mehr unter www.itiscolorit.com. Der zweite: Stellen Sie sich vor die leere Wand. Was benötigt der Raum? Einen Kontrast? Eine visuelle Pause? Und: Stellen Sie sich in der Galerie vor das Gemälde. Verändert sich Ihre Stimmung? Wird sie aktiver oder beruhigt? Wie immer es ausgeht: Intuition ist kein schlechter Ratgeber.
Eine private Bemerkung zum Schluss: Meine Lieblingsfarbe ist, ich gehöre da zur Mehrheit, eine Kombination aus frischem Blau und klaren Weiß. Ein leicht bewölkter Himmel, das Meer mit Gischt, der Matrosen-Look. Lee Ufans »From Line« gefiel mir, war als limitierter Druck auch gerade für 18.200 US-Dollar zu haben, aber: zu teuer, echt. So weist kein einziges der Bilder, das daheim ordentlich hängt – und darum, wie das gut gelingt, das Hängen, wird es in der nächsten Folge gehen –, dieses farbliche Zusammenspiel auf. Wäre zu einfach, oder?
Kunstvolle Gedanken von Helmut Ziegler
Geboren 1958 in Hamburg, unterwegs als Autor, Journalist und Rentner (nebenberuflich). Für das Zeit-Magazin besuchte er Künstler von Martin Eder bis Jonathan Meese in ihren Ateliers. Zuletzt erschien sein Roman „Das letzte Buch“. Mehr zu ihm: www.ha-zett.de
![Ausstellung: Im Fokus SIRI GINDESGAARD [bis 17.07.26]](https://www.galerie-rieck.de/wp-content/uploads/2026/05/Galerie_Rieck_Siri_Gindesgaard_Header-65x65.jpg)

![Meeresrausch Eckernförde – wir sind dabei! [12.-14.06.]](https://www.galerie-rieck.de/wp-content/uploads/2026/05/Galerie_Rieck_Meeresrausch_Eckernfoerde_Header-65x65.jpg)