Eine private Bemerkung vorab: Die meisten Gemälde, die ich besitze, sind an die Wand gestellt. Auf dem Boden oder dem Sideboard. Mit anderen Worten, ich habe deutlich weniger Ahnung vom Hängen als vom, haha, Abhängen.
Deshalb habe ich mir Hilfe von Gordon Rieck geholt, Mitinhaber dieser Galerie. Die Expertise: In seiner Laufbahn hat er zahlreiche Bilder aufgehängt, in der Galerie natürlich, bei seinen Kunden und zu Hause.
Helmut Ziegler: Wie viele etwa?
Gordon Rieck: Boah, lass mich rechnen: Wir haben bis zu zehn Ausstellungen pro Jahr. Jedes Mal hängen wir zwischen 40 und 70 Gemälde. Während der Ausstellung gibt es auch Umhängungen. Plus Ausstellungen außer Haus und Messen. Und ein bisschen privat. Ich schätze mehr als 500 Gemälde pro Jahr. Und ich mache das in unterschiedlichen Intensitäten seit 35 Jahren.
Welchen Fehler hast Du am häufigsten begangen?
Nicht das richtige Werkzeug mitgeführt.
Was hat gefehlt? Wasserwaage, Zollstock, Bohrer?
Wir hängen heute meist mit einem Laser, der ersetzt Wasserwaage und Maßband. Früher haben wir oft ungenau gehängt, einen Zentimeter neben der gewünschten Stelle oder Linie. Das ist mit dem Laser, den wir auf einem Stativ bis in drei Meter Höhe einrichten können, vorbei.
Muss man immer bohren oder reichen Klebenägel von Tesa?
Denen würde ich nie vertrauen. Wir haben wertvolle Gemälde, es sind immer Unikate. Kunstwerke. Wenn die jemandem etwas bedeuten und das so bleiben soll, würde ich das nicht an einen Tesa Strip delegieren. Für Poster mag das reichen. Nein, meist bohren wir und nehmen dafür immer sehr gute Dübel und ausreichend lange Schrauben mit großem Kopf. Das minimiert die Gefahr, wenn man das Bild über einen Draht hängt und versehentlich unterhakt, dass es sich über den Schraubenkopf schiebt.
Haben die meisten Bilder nicht Hakenösen mit diesen Zacken?
Es gibt beides – Drähte und Ösen. Bilder mit diesen ausgekanteten Metalllaschen haben je nach Größe auch einen oder mehr Hängepunkte. Je größer ein Bild, desto mehr wiegt es. Also sind Draht oder Öse entsprechend zu wählen.
Gibt es Rahmenrichtlinien für Hängungen?
Es gibt eine empfohlene Bildhöhe über dem Boden, die sogenannte Museumsregel. Sie besagt, dass die Bildmitte ca. 1,50 Meter über dem Boden befinden soll.
An der orientiert Ihr Euch?
Es hat natürlich auch mit den Proportionen der Wand zu tun und mit der Größe der Betrachter. Bei Paaren ganz unterschiedlicher Größe würden wir mitteln. In der Galerie hängen wir aber immer einen Tick tiefer, auf 1,40 Meter. Ganz häufig sagen Besucher: „Das ist aber gut gehängt.“
Warum?
Weiß ich nicht. Vielleicht sind sie nur nett. Oder unser „etwas tiefer hängen“ sieht nicht ganz so ehrfürchtig aus, wie man es in der Öffentlichkeit gelernt hat. Aber wir finden auch, dass man in ein Bild optisch etwas von oben „reinschauen“ darf. Gerade bei großen Gemälden. Je höher ein Bild hängt, desto weniger entsteht das Gefühl, ich bin drin.
Welche verschiedenen Arten der Hängung gibt es? Ich kenne die Petersburger …
Mein erster Impuls: Es gibt gute und schlechte Hängungen. Mehr nicht. Und das ist eine Frage des Geschmacks.
Genauer wird es nicht?
Ich glaube tatsächlich, es gibt keine Antwort auf diese Frage. Ich kenne das noch aus meinen Anfängen in den 90er Jahren, dass Sammler aufgrund von Platzmangel viele Werke neben- und übereinander platzierten, die Petersburger Hängung eben. Die Form, die wir heute am häufigsten haben, ist die Solohängung, mittelzentriert. Wenn du natürlich längere Wände oder mehrere Werke hast, gibt es auch häufig die klassische Reihenhängung. Wenn man mehrere Sachen nebeneinander packt, wird es spannend: Da ist die Hängung nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch entscheidend. Formate, Farben, Motive, Stile bis hin zum Rahmen sollten so passen, dass es nicht aussieht wie „an der Wäscheleine“. Mehrere Bilder kann man streng geometrisch anordnen, als Rechteck, Kreis oder oval. Oder bewusst asymmetrisch. Alles ist möglich. Aber Namen dafür zu haben ist wohl nur theoretisch interessant.
Kann man anhand der Hängung ein psychologisches Profil erstellen?
Ich habe eine Schlussfolgerung, aber die ist nicht psychologisch im Sinne von das ist jemand, der ist so und so.
Sondern?
Wenn du viele Bilder hast, liebst du offensichtlich Kunst.
Mehr nicht?
Mehr nicht. Wenn jemand „auf Effekt“ hängt, fünf Meter Wand, darauf ein Bild von zweimal zwei Meter, idealerweise mit einem Pop-Art-Motiv oder einer Botschaft, sind wir eher im Poser-Bereich. Die meisten Menschen umgeben sich mit Dingen, die mit ihnen sprechen, sie positiv berühren. Die Hängung hat genau dieses Werk bzw. diese Idee zu unterstützen: Hilf mir, einen visuellen Ruhepunkt zu finden.
Wie hängt man Bilder über Sofas, Sideboards, Betten?
Viele Menschen wollen da einen Abstand von 20 bis 30 Zentimeter. Um nicht mit dem Kopf dagegen zu schlagen oder im Essbereich versehentlich Kaffee drauf zu kleckern. Wobei, bei Ölgemälden wischt man den eigentlich einfach ab. Es ist eben oft eine individuelle Frage: Lehnt man sich im Bett an die Wand, weil man abends gern liest oder nicht? Ist die Sofa-Lehne tief genug oder nicht? Außerdem achten wir gern darauf, dass es keinen Sicherheitsabstand zwischen Werken, Möbeln und anderen Objekten gibt, damit Umfeld und Bild eine optische Verbindung bzw. Überlappung finden.
Eine Vase mit Blumen auf dem Sideboard?
Genau. Aber oft gibt die Wand die Proportion vor, nicht das Möbelstück. Bei einer sechs Meter breiten Wand kann man auch ein drei Meter breites Bild über das 1,60 Meter breite Bett hängen und es wirkt toll. Es braucht aber oft eine Anbindung. Nichts sieht ja schlimmer aus als ein Bild, das wie eine Briefmarke auf einem A4-Kuvert wirkt.
Es gibt Reihenhäuser, Villen, Penthäuser, wo gern im Treppenaufgang gehängt wird.
Das Wichtigste ist da, dass das Bild von oben und von unten gut aussieht. Wir lieben das, viele unserer Künstler arbeiten gern hochformatig. Das hat aber immer das Problem, über dem Sofa komisch zu wirken. Insofern bin ich froh, wenn Kunden sagen, dass es eine Treppe gibt …
Aber wie hängt man da?
Idealerweise wählt man Formate von etwa eins zu zwei, also schmal und hoch. Dann wieder diese 1,40 oder 1,50 Meter Blickhöhe von vorhin, immer von der Treppenstufe aus gesehen. Ob man mehrere dann so hängt, dass sie treppenartig ansteigen, die Oberkante des Ersten die Unterkante des Nächstfolgenden ist, wenn man aufwärts geht, ist wieder Geschmackssache. Mir persönlich ist das zu gezirkelt, ich würde sie leicht versetzen.
Wenn Kunden selber hängen wollen, was rätst Du denen?
Für die Vorbereitung ist es extrem hilfreich, mit Malerkrepp die Bildformate an die Wand kleben. Alle vier Kanten, nicht nur so ein bisschen. Es gibt auch eine großartige, meines Wissens deutsche App namens Wallary. Mit ihr kann man Gemälde fotografieren, die Maße eingeben, und das Foto über Augmented Reality dann an der eigenen Wand testen.
Und technisch?
Da geben wir immer drei Tipps mit. Erstens: Zentrieren Sie es ruhig und Oberkante Werk gleich Augenbrauen bzw. Stirnhöhe. Zweitens: Achten Sie darauf, dass die Stifte, Nägel oder Schrauben tief genug in der Wand sind. Nicht nur reinpieken, dann rauscht das Bild irgendwann ab. Und drittens, obwohl das nichts mit der Hängung an sich zu tun hat: Hat dieser Platz wechselndes Licht – und zwar Tageslicht? Tageslicht sorgt dafür, dass das Bild unterschiedliche Zustände und Farbigkeiten annimmt. Ach, und bei Dingen, die unter Glas sind, fragen wir, ob an die Spiegelung gedacht wurde.
Apropos Wirkung im Raum …
Was mir noch einfällt: Die Wirkung gern auch im Sitzen prüfen, nicht nur im Stehen. Oft hängt über dem Esstisch eine Lampe. Nicht, dass nur die durch das Werk an der Wand hübsch „gerahmt“ wird. Außerdem sollte man sich trauen, immer wieder mal umzuhängen. Hängen zwei Gemälde nebeneinander, reicht es schon, die auszutauschen – schon kann Neues entstehen, das auch gut aussieht.
Spielt die Farbe der Wand eine Rolle?
Es gibt da zwei Sachen. Wenn es eine gemauerte ist, man die Struktur des Steins sieht, ist das unserem Empfinden nach immer schwierig für Gemälde. Der andere Punkt: In der Galerie arbeiten wir mit einem warmen Mittelgrauton und Kunden fragen uns oft nach dessen RAL-Nummer oder dem Namen. Ich finde, auf Grau sieht fast alles gut aus.
Viele Galerien sind weiß.
Weiß hat so eine Härte, da wirkt alles immer gleich prominent, geradezu inszeniert. Grau oder andere gebrochene Töne sind da milder, kuscheliger. Gerade in Skandinavien existiert eine relativ große Tradition, mit Farbwänden zu arbeiten. Die haben dieses Rostrot, das Falunrot. Darauf kommt alles ein wenig edler, gerade mit Goldrahmen, genau wie auf dunklem, royalem Blau. Und es gibt in Dänemark auch häufig sehr schöne lindgrüne oder graugrüne Töne.
Wie geht man eigentlich mit Neonröhren oder beleuchten Bildern um, muss man die anders hängen?
Keine Ahnung. So etwas haben wir nicht.
Fast ein schönes Schlusswort. Ich habe aber noch eine Schlussfrage. Hast Du Hängungen gesehen und dachtest, gleich wird mir schlecht?
Oh, ja.
Nämlich?
Okay, zwei Geschichten. Eigenes Erlebnis. Wir haben ein wunderschönes Interieur-Gemälde in warmen bräunlichen Tönen verkauft, so 70 mal 70 Zentimeter. Wir kamen in die Wohnung und der Kunde sammelte Teppiche. Diese Teppiche hingen von der Decke, jeder Zentimeter Wand war mit Teppich bedeckt. Es gab nur einen Flecken, wo ein kleinerer, kürzerer Teppich von oben runterhing. Dann ein Stück Weiß, darunter ein weiterer Teppich. In diese Lücke sollte dieses Gemälde stoßen. Wohl die skurrilste Hängung meines Lebens.
Und die zweite?
Ein Museum, dem einige Prozente Kulturförderung gestrichen werden sollten. Zehn, glaube ich. Irgendwer hat sich dann ausgedacht, dass man die Gemälde der ständigen Sammlung – hervorragende deutsche Expressionisten, französische Romantik und Gegenwartskunst – dann eben zehn Grad schief hängt, mal nach links, mal rechts. Und mit einem Strich die ideale Kontur andeutete. Das war erstens ein irrer Aufwand und ich fragte mich, wie viel Langeweile muss man dafür haben? Und ich konnte mir die Bilder so echt nicht angucken, also habe ich mit abgeknicktem Hals davorgestanden, damit ich einen Bildeindruck kriege. Hinterher musste ich beinahe zum Physiotherapeuten.
[Ende des Interviews]
Eine private Bemerkung zum Schluss: Bei den Bildern, die ich besitze, macht es nicht viel aus, dass sie auf dem Boden stehen. Ihr Wert besteht darin, dass ich sie liebe, Rendite müssen sie nicht abwerfen. Bekanntlich sehen das aber viele Menschen anders. In der nächsten Runde geht es daher um das Verhältnis von Kunst und Geld.
Kunstvolle Gedanken von Helmut Ziegler
Geboren 1958 in Hamburg, unterwegs als Autor, Journalist und Rentner (nebenberuflich). Für das Zeit-Magazin besuchte er Künstler von Martin Eder bis Jonathan Meese in ihren Ateliers. Zuletzt erschien sein Roman „Das letzte Buch“. Mehr zu ihm: www.ha-zett.de
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![Vorschau: MODERNISME – Dän. Kunst 1920 – 1970 [ab 26.09]](https://www.galerie-rieck.de/wp-content/uploads/2026/08/Galerie_RIECK_Ausstellung_Modernisme_Niels-Hansen_Header-65x65.jpg)